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Den Opfern ein Gesicht geben

Landrat Thomas Will eröffnet Ausstellung zu NSU-Verbrechen

Über die Opfer rechter Gewalt reden: Landrat Thomas Will (2. von links) und rechtsextremis- Expertin Birgit Mair haben die Wanderausstellung zum Terror des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ im Kreishaus Groß-Gerau eröffnet. Sedef Yildiz und Nilüfer Kus (beide vom Integrationsbüro des Kreises) haben die Ausstellung in die Kreisstadt geholt.

KREIS GROSS-GERAU – Landrat Thomas Will und Rechtsextremismus-Expertin Birgit Mair haben im Kreishaus Groß-Gerau die Wanderausstellung „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“ eröffnet. Das Netzwerk gegen (Rechts-)Extremismus und Rassismus des Kreises Groß-Gerau hat die großformativen Schautafeln in die Kreisstadt geholt. Bis zum 14. April 2017 ist die Ausstellung im Foyer des Landratsamtes Groß-Gerau zu sehen. 

„Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen“, sagte Birgit Mair vom Nürnberger Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung am Ende ihres Eröffnungsvortrags. In der Tat sind im Zusammenhang mit dem rechtsextremen Terror-Netzwerk des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) längst nicht alle Fragen beantwortet. Seit fast vier Jahren wird in München gegen Beate Zschäpe verhandelt, parlamentarische Ausschüsse untersuchen die Hintergründe der verbrecherischen Taten der Terror-Gruppe, die 2011 aufgeflogen war.

Zehn Morde, Bombenanschläge in Köln sowie diverse Banküberfälle gehen mutmaßlich auf das Konto der Rechtsterroristen. Am 9. September 2000 wurde der Blumengroßhändler Enver Simsek in Nürnberg getötet – der Beginn einer beispiellosen Mordserie von Rassisten, die bis 2007 weiteren neun Menschen das Leben kostete. Doch Hinweise in Richtung Neonazis als Täter seien systematisch ausgeblendet worden, betonte Birgit Mair, die im Auftrag des Instituts 2012 und 2013 die Ausstellung erstellte.  

Die großformatigen Plakate, 22 Tafeln insgesamt, rufen die Verbrechen in Erinnerung. Mehr noch: Die Opfer bekommen ein Gesicht und eine Geschichte. In Absprache mit den Angehörigen hat Birgit Mair Kurzbiografien der zehn Ermordeten erstellt. „Ohne die Mithilfe der Angehörigen wäre die Ausstellung in der jetzigen Form nicht realisierbar gewesen“, sagte sie. „Dass die Opfer der NSU-Verbrechen und ihre Familien in den Mittelpunkt rücken, ist ein großes Verdienst der Ausstellung“, sagte Landrat Thomas Will. Schließlich habe die Polizei die Morde mit Rechtsextremismus anfangs gar nicht in Verbindung gebracht. „Stattdessen gab es Verdächtigungen im Umfeld der Opfer und das unsägliche Wort von den sogenannten Döner-Morden machte die Runde“, so Will. Die Aufarbeitung des NSU-Komplexes sei noch längst nicht abgeschlossen.

Die Ausstellung gewährt Einblicke in das Leben von Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Mehmet Turgut, Habil Kilic, Ismail Yasar, Mehmet Kubasik, Theodoros Boulgarides, Halit Yozgat und Michele Kiesewetter. Der zweite Teil der Ausstellung beleuchtet die Neonaziszene der 1990er Jahre sowie die Hilfeleistungen an den NSU-Kern aus einem neonazistischen Netzwerk.

Der Kreis Groß-Gerau, so Landrat Will, setze mit seinem Netzwerk gegen Rechtsextremismus und Rassismus ein klares Zeichen für ein friedliches und demokratisches Miteinander. Wer die demokratische Zivilgesellschaft stärken wolle, müsse zu Zivilcourage, Solidarität, Toleranz ermuntern. „Wegschauen geht nicht mehr“, sagte der Landrat. Er wünsche der Ausstellung viele Besucherinnen und Besucher, aufrüttelnde Gespräche und Impulse für ein solidarisches Miteinander im Kreis Groß-Gerau. „Es gibt im demokratisch verfassten Deutschland Orte, an den rechte Gruppen Jagd auf andere Menschen machen und sie einfach daran hindern, da zu sein, das ist unerträglich“, sagte Landrat Will.

Die Ausstellung wird im Kreishaus Groß-Gerau bis 14. April 2017 (Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr) zu sehen sein. Ein Begleitband zur Ausstellung kann zum Preis von fünf Euro (zzgl. Porto) über die Internetseite www.opfer-des-nsu.de bestellt werden. Schulklassen müssen sich beim Büro für Integration für einen Besuch der Ausstellung anmelden, Telefonnummer 06152 989-630.